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31 Oktober, 2026

Bookclub Nachlese zu "Ein ganz normales Wunder" von Woody Brown

31 Oktober, 2026
Vermutlich werden dies die längsten Shownotes in der Geschichte unseres Bookclubs – ach, was sagen wir … in der Geschichte aller Bookclubs der Welt.
Und am Ende gibt’s noch eine Linksammlung für alle, die tiefer ins Rabbit Hole eintauchen möchten. 🐇📚
 
Unsere Oktober-Bookclubs zu „Ein ganz normales Wunder“ von Woody Brown waren wie erwartet spannend und bewegend. An beiden Abenden haben wir intensiv diskutiert, persönliche Erfahrungen geteilt und einige Fragen mitgenommen, über die wir vermutlich noch länger nachdenken werden.
 
Der Roman ist der zweite Titel der Aktion „Deutschland liest ein Buch“ von Kiepenheuer & Witsch. Und wir können uns beim Verlag nur bedanken, dass er dieses besondere Buch nach Deutschland gebracht hat.
 
Am Dienstag standen vor allem die Geschichte und ihre Figuren im Mittelpunkt. Walter, Tom, Carlos, Jorge, Emma und die anderen Menschen in der Tagesstätte Upward Bound haben uns beschäftigt.
 
Viele mochten die wechselnden Erzählperspektiven, durch die wir nicht nur Walter und die anderen Menschen mit Behinderungen kennenlernen, sondern auch die Betreuerinnen und Betreuer mit ihren eigenen Problemen und Lebensgeschichten.
 
Viel diskutiert haben wir auch über Dave, den Leiter der Einrichtung. Einige fanden ihn ausgesprochen unsympathisch und überfordert, andere hatten durchaus Mitleid mit ihm. Schließlich leidet auch er unter einem System, in dem Geld und Bürokratie den Alltag bestimmen. Dabei kam auch die Frage auf, welchen Stellenwert die Betreuung und Begleitung von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft eigentlich haben.
 
Auch die literarische Umsetzung wurde unterschiedlich bewertet. Viele mochten die Vielstimmigkeit und die Figurenzeichnungen, andere konnten mit dem episodenhaften Aufbau weniger anfangen. Ein Kritikpunkt war außerdem, dass die Menschen mit Behinderungen im Roman häufig wenig Handlungsspielraum haben und weitgehend von den Entscheidungen anderer abhängig bleiben.
 
Und natürlich haben wir auch über das tragische Ende gesprochen, das einige besonders erschüttert hat.
 
An beiden Abenden ging es immer wieder darum, wie wir miteinander kommunizieren und wie viel wir möglicherweise übersehen, wenn sich Menschen nicht oder nur eingeschränkt verbal äußern können.
 
Besonders die Beziehungen zwischen Carlos und Jorge oder Walter und Emma haben uns beschäftigt. Da entstehen Freundschaften und Nähe, die Außenstehende möglicherweise überhaupt nicht als solche wahrnehmen.
 
Auch Tom war ein eindrückliches Beispiel. Während andere glauben, ihm mit möglichst viel Routine und Ruhe etwas Gutes zu tun, sehnt er sich nach Abwechslung und neuen Erfahrungen.
 
Sehr persönlich wurde es, als einige aus der Runde von eigenen Begegnungen mit autistischen Menschen, von Angehörigen mit Behinderungen oder von Erfahrungen in Schulen und Betreuungseinrichtungen erzählten.
 
Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich Autismus ausgeprägt sein kann und wie schnell wir dazu neigen, Menschen aufgrund einzelner Verhaltensweisen einzuordnen.
 
Nur weil jemand nicht auf unsere gewohnte Weise kommunizieren kann, bedeutet das nicht, dass er nichts mitzuteilen hat.
 
Viele erzählten, dass das Buch ihren Blick verändert oder zumindest dafür gesorgt hat, im Alltag genauer hinzuschauen.
 
Ein weiterer Schwerpunkt war der Alltag in der Tagesstätte.
 
Die Menschen dort werden betreut und versorgt. Für ihre individuellen Bedürfnisse scheint es allerdings häufig an Ressourcen oder auch am nötigen Interesse zu fehlen.
 
Wir haben über die teilweise fehlende Qualifikation der Betreuungskräfte gesprochen, über Datenschutz und darüber, wie viel Wissen über einen Menschen notwendig ist, um ihn angemessen begleiten zu können.
 
Auch die Rolle von Dave wurde in diesem Zusammenhang noch einmal diskutiert. Er versucht, die Einrichtung finanziell über Wasser zu halten, verliert dabei aber häufig die Menschen aus dem Blick, für die sie eigentlich da ist.
 
Interessant war auch die Diskussion über die Begriffe, mit denen die Menschen in der Einrichtung bezeichnet werden. Im Buch ist von Schützlingen, Klienten und Insassen die Rede. Die unterschiedlichen Bezeichnungen verraten einiges darüber, wie auf die Menschen geschaut wird.
 
Und immer wieder kamen wir auf die Selbstbestimmung der Menschen zurück, die ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht auf eine allgemein verständliche Weise äußern können.
 
Und wer hat das Buch eigentlich geschrieben?
 
Diese Frage wurde am Dienstag und am Donnerstag angesprochen es entwickelten sich daraus intensive und durchaus kontroverse Diskussionen.
 
Woody Brown ist Autist und kommuniziert mithilfe einer Buchstabentafel und der Unterstützung seiner Mutter. Die dabei verwendete Kommunikationsmethode ist wissenschaftlich umstritten.
 
Bei der klassischen gestützten Kommunikation (Facilitated Communication) haben wissenschaftliche Untersuchungen erhebliche Einflüsse der unterstützenden Personen auf die entstehenden Texte nachgewiesen. Für die Rapid Prompting Method (RPM) und verwandte Verfahren fehlen bislang belastbare kontrollierte Studien, die eine unabhängige Autorenschaft bestätigen.
 
Einige aus der Runde stellten deshalb infrage, ob Woody Brown den Roman tatsächlich selbst geschrieben hat.
 
Andere hielten es für problematisch, Woody Brown allein aufgrund der wissenschaftlichen Kritik an der Kommunikationsmethode die Autorenschaft abzusprechen. Denn auch wenn eine Methode grundsätzlich umstritten ist, lässt sich daraus nicht automatisch ableiten, dass sie in diesem konkreten Fall zu einer fremdbestimmten Aussage geführt hat.
 
Besonders interessant ist dazu das Interview „Nonspeakers Speaking Out“ in der Los Angeles Review of Books vom 29. Juni 2026, auf das uns Mona Lang, die Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch, aufmerksam gemacht hat.
 
Darin spricht Woody Brown mit Jason Jacoby Lee, der ebenfalls nichtsprechend und autistisch ist und mithilfe einer Buchstabentafel kommuniziert.
 
Brown weist die Zweifel an seiner Autorenschaft ausdrücklich zurück. Er berichtet, dass an der Columbia University niemand seine Autorenschaft infrage gestellt habe, weil seine Mitstudierenden und Lehrenden seine Kommunikation persönlich erlebt hätten.
 
Spannend sind auch seine Ausführungen zum Roman selbst. Walter bezeichnet er als sein Alter Ego. Die unterschiedlichen Erzählperspektiven habe er bewusst gewählt, weil jede Figur ihre eigene Geschichte verdiene. Die zentrale Polizeiszene sei von einem tatsächlichen Vorfall inspiriert worden, über den er in der Zeitung gelesen hatte.
 
Woody Brown kritisiert, dass die Diskussion über seine Kommunikationsmethode häufig seine literarische Arbeit überlagert. Er möchte vor allem als Schriftsteller wahrgenommen werden.
 
Unsere Bookclub-Teilnehmerin Annika hat dazu bei Mona Lang nachgefragt und uns ihre Antwort weitergeleitet.
 
Mona Lang berichtet, dass sie sich ausführlich mit Woody Browns amerikanischem Lektor ausgetauscht habe. Dieser habe einige Tage bei Woody Brown zu Hause verbracht und dort gemeinsam mit ihm am Manuskript gearbeitet. Auch die New York Times habe sich vor Ort seine Arbeitsweise angesehen.
 
Mona Lang schreibt dazu: „Ich vertraue da sehr drauf.“
 
Damit haben wir eine weitere Perspektive auf die Diskussion. Menschen, die Woody Brown und seine schriftstellerische Arbeit persönlich erlebt und begleitet haben, äußern sich überzeugt von seiner Autorenschaft.
 
Das ersetzt keine wissenschaftlich kontrollierte Überprüfung. Aber ebenso wenig lässt sich aus der grundsätzlichen Kritik an der Kommunikationsmethode ableiten, dass Woody Brown seinen Roman nicht selbst geschrieben hat.
 
Am Ende gingen die Meinungen auch darüber auseinander, welchen Einfluss diese Diskussion auf unsere Bewertung des Romans hat. Für einige war die Autorenschaft entscheidend, die meisten fanden, dass die Geschichte auch unabhängig davon ihren literarischen Wert und ihre gesellschaftliche Bedeutung behält.
 
Unsere Abstimmung zeigt, dass wir das Buch von Woody Brown sehr gemocht haben. Wenn ihr das Buch ebenfalls gelesen habt und abstimmen möchtet, könnt ihr das hier tun: Zur Abstimmung
 
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Zum Weiterlesen im Rabbit Hole 🐇📖
 
Über Woody Browns Autorenschaft und die wissenschaftliche Kritik an der verwendeten Kommunikationsmethode haben wir besonders intensiv diskutiert. Und wer einmal anfängt, dazu zu recherchieren, landet schnell im Rabbit Hole.
 
Deshalb haben wir einfach mal einige weiterführende Quellen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammengestellt. Für alle, die noch ein bisschen tiefer einsteigen und sich eine eigene Meinung bilden möchten.
 
  1. Los Angeles Review of Books – „Nonspeakers Speaking Out“ (29. Juni 2026)
Woody Brown im Gespräch mit Jason Jacoby Lee über seinen Roman, seine schriftstellerische Arbeit und die Zweifel an seiner Autorenschaft. Besonders interessant, weil hier zwei nichtsprechende Autisten ihre eigene Perspektive schildern.
 
 
  1. The Atlantic – Kritische Recherche zur Autorenschaft (15. April 2026)
Daniel Engbers ausführliche Recherche über Woody Browns Autorenschaft, die Kommunikationsmethode und die wissenschaftlichen Einwände.
 
 
  1. The Guardian – Interview mit Woody Brown (28. März 2026)
Ein ausführliches Porträt über Woody Browns Lebensweg, seine Erfahrungen als nichtsprechender Autist und das Schreiben seines Romans.
 
 
  1. The Guardian – Rezension von „Upward Bound“ (7. April 2026)
Eine positive literarische Besprechung des Romans und seiner unterschiedlichen Erzählperspektiven.
 
 
  1. Publishers Weekly – Rezension von „Upward Bound“
Amerikanische Rezension des Romans.
 
 
Wissenschaftliche Untersuchungen und Stellungnahmen
 
  1. Schlosser et al. (2026) – Systematic Review of Authorship in Rapid Prompting Method, Spelling to Communicate, and Variants
Eine aktuelle systematische Untersuchung zur Frage der Autorenschaft bei RPM und verwandten Methoden. Die Forschenden fanden keine geeigneten kontrollierten Studien, die eine unabhängige Autorenschaft nachweisen.
 
 
  1. Schlosser et al. (2019) – Rapid Prompting Method and Autism Spectrum Disorder
Systematischer Forschungsüberblick über die wissenschaftliche Evidenz zur Rapid Prompting Method.
 
 
  1. Hemsley et al. – Systematic Review of Facilitated Communication 2014–2018
Untersuchung zur klassischen gestützten Kommunikation und zur Frage, welchen Einfluss unterstützende Personen auf die entstehenden Texte haben.
 
 
  1. American Speech-Language-Hearing Association (ASHA) – Rapid Prompting Method
Offizielle Stellungnahme des amerikanischen Fachverbands zur wissenschaftlichen Evidenz und zu den Risiken der Methode.
 
 
  1. American Speech-Language-Hearing Association (ASHA) – Facilitated Communication
Stellungnahme zur klassischen gestützten Kommunikation und den wissenschaftlich nachgewiesenen Problemen mit der Autorenschaft.